Ehrgeiziges Grossprojekt im Entstehen

25.10.2012
- Das neue Betriebsgebäude der Wyon AG in Steinegg wird aufgerichtet

 

 

Seit Monaten wurde darauf hingearbeitet. Nun ist es so weit: In Steinegg wird das Wyon–Betriebsgebäude aufgerichtet. 170 Tonnen einheimisches Holz wurden verarbeitet, bis die anspruchsvolle Tragkonstruktion und die vorgefertigten Elemente angeliefert werden konnten.

 

Die Arbeitsweise der Zimmerleute hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Schwertransporte mit vorgefertigten Holzelementen für Wohnhäuser gehören neuerdings vermehrt zum Strassenbild. Weniger bekannt sein dürfte, dass auch Grossbauten in Holz ausgeführt werden – mit allen Vorteilen, die der natürliche Baustoff bietet: Stabilität, hoher Dämmwert, angenehmes Raumklima. 

Hoher Anspruch der Bauherrschaft 
Die Aktionäre der Firma Wyon AG in Appenzell wollten es wissen. Für ihr Neubauprojekt in Steinegg suchten sie eine Lösung mit hohem Anteil an heimischen Baustoffen. Der Produktionsbetrieb sollte keine «08.15–Lösung» sein, wie sie im Hallenbau eigentlich machbar wäre. Gewünscht war weder ein Flachdach noch ein schlichtes Satteldach, das auf dem gewählten Grundmass viel zu schwerfällig ausgefallen wäre und den Komplex zusätzlich vergrössert hätte. Architekt Jürg Kellenberger schlug eine Lösung vor mit einer speziellen Dachlandschaft, die sich massvoll über den Bau erhebt, aber nicht in einer einheitlichen Giebellinie, sondern mehrfach «gebrochen» mit verschiedenen Neigungen und leicht abfallenden Dachkanten.Aussenwände und Raumteilungen sollten ebenfalls weitmöglichst aus Holz gefertigt werden. In Beton gehalten sind vorwiegend das Sockel– und das Obergeschoss, darüber hinaus dominiert der Holzbau, wobei einzelne statische Wandscheiben für die Aufnahme und Ableitung der Windkräfte betoniert wurden. 

Leistungsausweis 
Paul Wyser, CEO der Firma Wyon AG, liess sich auf die Ideen des Architekten ein, zweifelte aber daran, dass die Arbeiten tatsächlich in Innerrhoden vergeben werden könnten. Als Unternehmer und ehemaliger Säckelmeister ist er an den Geschicken der ansässigen Betriebe sehr interessiert. Deshalb erfüllt es ihn mit besonderem Stolz, dass sich die Firmen Dörig+Brülisauer GmbH, Unterschlatt, und Holzin AG, Appenzell, zu einer Projektpartnerschaft zusammentaten, die das Bauwerk nicht nur umsetzen kann, sondern auch ein konkurrenzfähiges Angebot machte. Urs Dörig übernahm als CAD–Planer die Federführung; ihm oblagen die Detailplanung Holzbau, die statische Bemessung, die Produktion der Wandelemente und die Vormontage des Primärwerks. In den Bau der einzelnen Elemente teilten sich die beiden Unternehmen je nach frei zu machenden Kapazitäten. Die Holzin AG trug die Hauptlast der Dachelemente. 

Kompliziertes Tragwerk 
Eine grosse Herausforderung war die Konstruktion des Primärtragwerks. Da die spezielle Dachform bestückt ist mit Grat, Kehle, steigendem First und Traufen, verlaufen alle verleimten Brettschichtholzträger in verschiedenen Neigungen. Ja sogar Richtungänderungen in derselben Systemachse mussten konstruiert werden. Die Statik muss höchsten Ansprüchen – man denke an die mögliche Schneelast – genügen.
Träger aus verleimtem Schichtholz, mit eingeschlitzten Stahlteilen und Passbolzen (Typ Blumer BSB) verbunden, sollen es richten. Die Entscheide der Planer wurden an besonders heiklen Stellen am CAD überprüft, um Fehler auszuschliessen. Dazu sagt Urs Dörig: «Es genügt nicht, die Elemente nach Mass zu bauen. Man muss sie vor Ort auch einfahren können.» 

5000 Bauteile in Holz 
Nachdem das Vorgehen in allen Teilen klar war, ging Urs Dörig daran, die Details am Computer zu erarbeiten. Dabei taten er und die beigezogene Firma HD plan Appenzell sich mit den 85 Wand­elementen eher leicht, denn sie gleichen sich, haben sogar repetitiven Charakter. Anders die Elemente des Dachs: «Keines ist gleich wie das andere», sagt Dörig. Nun muss man wissen, dass sich die Überdeckung aus nicht weniger als 142 Elementen zusammensetzt, das Primärtragwerk (das Balkengerüst) nicht eingerechnet.Jedes Dachelement musste einzeln gezeichnet, sorgfältig codiert und hernach millimetergenau gebaut werden. Damit beim Aufrichten keine unliebsamen Überraschungen entstehen, musste auch die Beladung der Pritschen minutiös geplant sein: Das Dach muss Stück für Stück von der Pritsche gehoben und, beginnend bei der Traufe, eingebaut werden können. Störungen im Ablauf würden zu einem heillosen Durcheinander führen. Für das ganze Gebäude wurden 265 m3 Konstruktionsholz verarbeitet. 5000 einzelne Holzteile waren zu fertigen, und 590 m3 Dämmmaterial wurden eingebaut. Das alles lagerte beim Startschuss zum Aufrichten auf fünfzehn Pritschen, die der Reihe nach auf die Baustelle gefahren werden. 

Auf Hochtouren produziert 
Ihre Zusammenarbeit basiere primär auf dem Termindruck, der das Projekt prägt, sagen Urs Dörig und Bruno Inauen: Vor dem Wintereinbruch soll der Neubau unter Dach sein, damit im Winterhalbjahr am Innenausbau gearbeitet werden kann. Urs Dörig begann im Mai mit der Detailplanung; der Werkvertrag wurde am 15. des Monats unterschrieben. Seit Ende der Gewerbeferien waren sechs bis acht Mann in Vollzeit mit den Bau der Elemente beschäftigt. Nun stehen sie alle bereit, und die beiden Unternehmen richten gemeinsam Wände, Primärtragwerk und Dach auf, was zwei Wochen in Anspruch nehmen dürfte, sofern das Wetter mitspielt. 

Das Element bietet Vorteile 
Ein markanter Vorteil des Elements liegt schon im Baustoff Holz selbst. Es hat eine Wärmeleitfähigkeit von nur 0,14 im Vergleich zu Beton mit 1,8. Zusammen mit den eingebauten Dämmstoffen ergibt sich ein Dach U–Wert von 0,13. Insgesamt liegt der Heizwärmebedarf grob gesprochen um einen Fünftel tiefer als der Minergiegrenzwert. Dank CAD können auch Leerrohre für die Haustechnik bereits passgenau in die Elemente eingebaut werden. Der Mehraufwand für die Planung macht sich bei der nachfolgenden Feinarbeit an der Installation mehr als bezahlt. Am fertig aufgerichteten Bau wird eine zusätzliche Dämmschicht über alles aufgebracht. So wird sich auch bei geringem Energieaufwand im Innern ein angenehmes Raumklima ergeben. Die Aufrichtearbeiten am Wyon–Gebäude sind zurzeit in vollem Gange. Wer die Vorgänge beobachten will, ist gebeten, gebührenden Abstand zu halten.